03. Juni 2019

Diakonie-Gespräch: „Freiwilligendienst – Wertvolle Zeit oder billige Arbeitskraft?“


Lea Eigner ist rundum zufrieden. „Es war die richtige Entscheidung, ich habe gelernt mit Kindern umzugehen und Verantwortung zu übernehmen“, sagt die 19-Jährige beim 1. Diakoniegespräch in diesem Jahr. Thema war der Freiwilligendienst mit der Frage: „Wertvolle Zeit oder billige Arbeitskraft?"

Dazu hatte jetzt die Diakoniestiftung an der Saar nach Saarbrücken-Malstatt eingeladen. Eigner absolviert noch bis Ende Juni ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in einer Wohngruppe der Diakonie Saar. Und sie ist sich nun sicher, dass ihre Berufswahl die Richtige ist: Sie will ab Herbst „Soziale Arbeit“ studieren.

 

Viele positive Erfahrungen

Die Freiwilligendienste wie das FSJ oder der Bundesfreiwilligendienst (BFD) haben an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen. Rund 100.000 Menschen absolvierten 2017/18 einen Freiwilligendienst. 80 Prozent davon waren unter 27 Jahre. „Das sind rund zehn Prozent der Schulabgängerinnen und Schulabgänger“, erläuterte Professorin Dr. Gisela Jakob von der Hochschule Darmstadt, die in das Thema einführte. Haupteinsatzgebiete für die Freiwilligendienste sind Krankenhäuser und Senioreneinrichtungen sowie die ambulante Pflege. Es gebe aber auch viele Stellen in der Jugendhilfe, in Kindertagesstätten und Schulen. Die Freiwilligendienste seien angesiedelt zwischen Engagement, Bildungsmaßnahme und Dienstleistung und passten daher vor allem in die biografische Übergangsphase nach Abschluss der Schule, betonte Jakob. Sie habe in ihren Forschungen über die Freiwilligendienste festgestellt, dass die jungen Teilnehmenden viele positive Erfahrungen machten. Gleichzeitig sei der Dienst aber anfällig dafür, dass Freiwillige als kostengünstige Arbeitskräfte eingesetzt würden.

Darum ging es dann auch in der anschließenden Diskussion, die von Marc Weyrich moderiert wurde. Im Diakonie-Klinikum Neunkirchen, wo derzeit zehn Freiwillige tätig sind, ersetzten die Freiwilligen keine Pflegekräfte. „Sie übernehmen nur zusätzliche Aufgaben, etwa in der Essensausgabe oder in der Begleitung zu Untersuchungen“, erläuterte Pflegedienstleiter Werner Stock. Alle hätten eine Patin oder einen Paten und würden von Mitarbeitern der Krankenpflegeschule betreut. Matthias Schmitten, der bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) für die Freiwilligendienste zuständig ist, räumte jedoch ein, dass es nicht immer gelinge, die Freiwilligen arbeitsmarktneutral einzusetzen.

 

"Win-win-Situation für alle Beteiligten"

„Der Freiwilligendienst ist eine win-win-Situation für alle Beteiligten, wenn die Freiwilligen gut begleitet sind und Partizipation ermöglicht wird“, betonte Jakob. Für die Gesellschaft sei es gut, wenn junge Menschen mit sozialen Problemen konfrontiert würden und sie Engagement lernten. Für die jungen Menschen seien die Freiwilligendienste ein Gewinn für die eigene Entwicklung. Dazu müssten die Träger aber die Bedürfnisse die Teilnehmenden ernst nehmen und sie in der Ausgestaltung der Arbeit mitbestimmen lassen, etwa durch die Teilnahme an Teamsitzungen oder die Durchführung eigener Projekte.  

 

Bessere finanzielle Ausstattung nötig

Schmitten forderte eine bessere finanzielle Ausstattung der Freiwilligendienste durch die Bundesregierung  und eine Anerkennungskultur. Niemand dürfe durch einen Freiwilligendienst in eine prekäre Lage kommen. Finanziert  werden das FSJ und der BFD über Mittel des Bundes und der Einsatzstellen. Die Diakonie RWL, zu der auch die Diakonie Saar gehört, zahlt allen Teilnehmenden 402 Euro Taschengeld im Monat. Dies sei nicht ausreichend. Da müsse die Politik nachbessern. 

 

"Pflichtdienst ist Quatsch"

Einig war sich das Podium in der im letzten Jahr viel  diskutierten Forderung nach einem Pflichtdienst für alle jungen Menschen. „Das ist Quatsch“, sagte Eigner. Es gebe nichts Schlimmeres als Leute, die keine Lust auf die Arbeit hätten. Auch Jakob kann sich das nicht vorstellen: Es seien dazu 800.000 Stellen pro Jahr nötig. Dies sei nicht finanzierbar. Sie plädierte für einen qualitativen Ausbau der Freiwilligendienste, für mehr Partizipation und Engagement und weniger Dienst. „Freiwilligendienste können nicht staatlich verordnet werden und sind nicht mit Geld zu kaufen. Das verbiete schon Artikel 12 des Grundgesetzes: Niemand darf zu einer Arbeit gezwungen werden“, sagte die Professorin.    

  •  SR2 Kulturradio sendet das Diakoniegespräch „Freiwilligendienst – Wertvolle Zeit oder billige Arbeitskraft?“ in der Reihe „Diskurs“ am Freitag, 21. Juni, um 19.15 Uhr.    

 

 


Referent Freiwilligendienst
Thomas Spaniol
Rembrandtstr. 17-19
66540 Neunkirchen
Telefon: 06821/956-271




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